Themen:
Christen Geschichte Tiefgang
Stichworte:
Aggression Entschlossenheit Hoffnung Kreuz
Autor/in:
Anja Neu-Illg
Keine Götter.
Von Menschen und Göttern.
In der Schlußszene zieht eine Karawane Männer durch den Schnee der Berge in den immer dichter werdenden Nebel. Ein Terrorist. Ein Mönch. Ein Terrorist. Ein Mönch. Die Mönche aus Frankreich, die Terroristen von hier. Algerien. Eine Karawane Männer in langen Röcken, zu unterscheiden nur daran, dass die einen Waffen tragen und die anderen nicht. Nur Menschen. Götter sind nicht dabei. Auch keine Messiasse oder Heldenmärtyrer unter ihnen. Alles Menschen. Mit der Fähigkeit zum Guten und zum Bösen.
Kurz gesagt dreht sich der Film um die Frage, ob die in den Bergen Algeriens lebende Gruppe französischer Trappisten-Mönche angesichts wachsender Bedrohung durch islamistischen Terror gehen oder bleiben soll. Am Ende bleiben sie. Das vorwegzunehmen, nimmt dem Film nicht seine Spannung, denn wirklich spannend ist, auf welche Weise jeder der acht Männer seinen ureigenen Grund zu bleiben findet.
Der Film zeigt keine monastische Romantik und auch keine Lichtgestalten beim Gebet. Die Darstellung des klösterlichen Lebens ist nicht von ätherischen Gesängen und großartigen Bildern geprägt. Eher erdig, alltagstauglich. Die Mönche haben schmutzige Fingernägel beim Beten. Schlichte Gesänge. Eine Gruppe Männer die sich redlich um Zusammenklang müht. Sie leben von dem, was Garten und Acker mühsam abgerungen wird. Honig wird auf dem Markt verkauft. Einer kümmert sich als Arzt um das Wohl der Dorfbevölkerung oder auch mal um neue Schuhe. Ein anderer hilft den Analphabeten, Formulare von Behörden auszufüllen. Und wenn man sich auf einem Fest des Dorfes mit den Imamen trifft, dann entsteht ein Gespräch unter Kollegen. Kollegen, die sich sorgen; um das Land, um seine Zukunft, um die Jugend. In einer Zeit, in der der Islam mehr und mehr als per se gewalttätig diffamiert wird, ein verstörend einträchtiges Bild. Inschallah. So Gott will.
Keiner hat eine Erklärung für marodierende, religiös aufgeladene Jugendbanden. Und keiner kennt das Gegenmittel. Auch der Arzt nicht, der nur hilflos feststellen kann, dass das Böse nie gründlicher getan wird, als aus religiösen Gründen. Mit den Terroristen ist nicht zu reden. Auch dass die Mönche ausnahmslos jedem helfen, sogar einem verwundeten Religionskrieger, kann sie auf Dauer nicht schützen. Das Kloster gerät unter wachsenden Druck. Der Behörden raten zur Ausreise. Das korrupte Militär bietet seinen Schutz an. Doch die Brüder bleiben. Schutzlos. Nicht aus Erhabenheit über Gut und Böse oder jeden Zweifel. Nicht, weil sie den Tod nicht fürchten würden. Nicht aus Sehnsucht nach dem Götterheldentod. Jeder findet seinen Grund. Der Zuschauer erlebt, wie der gemeinsame Entschluß, zu bleiben, reift. Der vitalste und bärigste der Brüder, ein Typ zum Bäume ausreißen, ruft anfangs laut und empört: „Ich bin nicht Mönch geworden, um hier den Märtyrertod zu sterben. Welchen Sinn soll das haben? Ich kann das nicht sehen.“ Einige Wochen später ist er es, der zur Weihnachtsmesse das winzigkleine Jesuskind durch die Kirche zur Krippe trägt. Von Anfang an so ausgeliefert wie er selbst jetzt.
Es ist nicht der Auftrag, nicht die Pflicht und nicht der Mangel an Alternativen, der zum Bleiben bewegt. Es ist der Wunsch, die Dorfbewohner nicht aufzugeben, wie sie am Leben zu hängen so lange es geht und die Liebe, die stärker ist als der Tod, ja stärker als jede andere Liebe sogar. Und doch sind die unbewaffneten Männer, die in den Nebel einer ungewissen Zukunft ziehen, keine Götter. Menschen sind sie. Zum Bösen ebenso fähig wie zum Guten. Inschallah.
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