Themen:
Bibel Entdeckungsreise Sinn
Stichworte:
Aha-Erlebnis Fragen Sinnfrage Suche
Autor/in:
Anja Neu-Illg
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Gibt es hier im Buchhandel.
Gott gips.

Aurelius Augustinus, Jean-Jacques Rousseau, Nelson Mandela
und nun auch Nina Hagen.
Wer von Nina Hagen bisher nur weiß, dass Micha den Farbfilm vergessen hat und das verdammt nochmal keine gute Idee von ihm war, wird den Titel ihrer Autobiographie etwas gewagt finden: "Bekenntnisse"
Was kann man zwischen den Buchdeckeln erwarten von der Punkröhre, die sich damit einreiht in die Gruppe der Kirchen- und Revolutionführer? Und hatte nicht auch Boris Becker ein Goethezitat aufs Cover drucken lassen, ohne zu wissen, dass dies die Worte des untergehenden Helden sind: "Verweile doch."
Steht uns einmal mehr eine öffentliche Selbstentblößung ins Haus oder was wird hier bekannt? Die godmother of Punk kann ja ihre Biographie nicht einfach „Wie ich mich so durchwurschtelte“ nennen oder „Meen Leben und icke. Wie Ninchen das donnernde Leben suchte und Jesus Christ Superstar fand.“ Wenn es ernsthaft etwas zu bekennen gäbe im Leben der Catharina Hagen, dann ihre beiden Abtreibungen im Teenageralter. So wie sie die Umstände schildert, möchte man ihr sofort die Absolution erteilen, falls sie das noch nötig hätte. Hat sie aber nicht: „…und deshalb möchte ich es nicht mehr haben, dass Leute mit dem Finger auf mich zeigen und mich nach menschlichen Maßstäben verurteilen. Er [Gott] kennt mein Herz… .“ Und er weiß auch, dass niemand da war, der mit ihr das Kind schon schaukeln würde.
Man kann Nina Hagens Buch als eine Punkgeschichte lesen, als einen Drogenexkurs, als Gesellschaftsbild der DDR in den 60er und 70er Jahren, als ein Familienepos der Familie Hagen, als poetische Textsammlung aus Klassikern, Punkeruptionen und Bibelversen und eben auch als ein Bekenntnis. Ein Bekenntnis zu Jesus Christus, der im Nachhinein betrachtet, immer schon da war. Einmal wird sie als kleines Kind von ihrem Vater erwischt, wie sie gerade mit ihrer Freundin aus einem Gottesdienst kommt, den die beiden regelmäßig heimlich besucht hatten: „Mensch Ninchen,…mach sowas nie, nie, nie wieder! Wie kannst du uns das nur antun!“ Aber Ninchen war sowas von begeistert von dem Clown, der da auf einem Balkon faxen machte und von den schönen Bräuten mit den langen Schleiern.
Wir lernen die kleine Nina kennen, die als Tochter der Schauspiel-Berühmtheit Eva Maria Hagen Teil ihrer Inszenierung wird. Schwierig für ein Kind, das sich nicht gerne an Regieanweisungen hält. Sie bleibt viel allein, verbringt lange Zeiten in Heimen und bei Bekannten der Familie. Nina liest als Kind ganz allein und für sich in der Bibel, berauscht sich an der urigen Sprache, ist fasziniert von diesen unbekannten phantastischen Märchenwelten, die sie zum Leben braucht. Nina will selbst berühmt werden, hasst die Arschpfeifen, die bei der Mutter ein- und ausgehen seit diese sich vom nicht mehr zu ihrem Leben passenden Mann getrennt hat, findet die Mutter nach einem Selbstmordversuch blutverschmiert vor. Dazwischen Sätze wie diese: „Manche meiner Verletzungen werden vielleicht erst im Himmel geheilt, sure!“
Bei Muschel in Sangerhausen verbringt sie viele Monate ihrer frühen Jugend in einem Zimmer mit einem Schrank der nachts „anfing zu morphen“. Muschel ist sehr gläubig und um sie zu ärgern und Gott und Muschel zu testen wird erstmal kräftig Gott gelästert. Der doofe Gott. Den gibt es doch gar nicht. Voll die Erfindung ist der! In der Woche darauf bricht sie sich das Bein und kommt zu dem Schluss: Gott gips! Und dann gibt es da noch Wolf Biermann, Ersatzvater und kritischer Poet, der Jesus dann auch mal eine Knarre in die Hand drückt. Es gibt die Liebe, die scheitert, verlässt und in Abgründe stürzt, eine Rockkarriere in der DDR, die auch mit Auftritten vor ranghohen Tieren einhergeht und immer wieder die hämmernde Suche nach dem echten einzig wahren Leben.
Ausführlich wird ein LSD-Trip beschrieben, sicher nicht als Empfehlung, und doch mündet dieser Trip in eine Gottesbegegnung, die zwar kritisch betrachtet aber auch nicht mit guten Gründen wegdiskutiert werden kann: „Menschen haben übrigens zu allen Zeiten (und nicht nur im Juden- und Christentum) Erlebnisse gehabt, in denen ihnen Gott quasi aus dem Off entgegenkam. Klar, am liebsten wäre es den Leuten immer schon gewesen, Gott hätte sich dabei an die Straßenverkehrsordnung, die religiösen Kleidervorschriften und die im Gesangbuch vorgeschlagenen Orte gehalten. Tat er aber nicht.“ Sie verschweigt nicht die höllischen Schmerzen und auch nicht die Angstzustände während des Trips, doch am Ende gibt es ein Gespräch mit Jesus Christ himself, der ihr nichts anderes zusagt, als „Ich bin immer da! Ich war immer da! Ich werde immer da sein!“ Ich bin der Herr, dein Trip? Einer wenigstens bleibt immer bei ihr, während Menschen einen verlassen, verletzen und allein zurücklassen, aus welchen Gründen auch immer.
Manchmal wird’s predigthaft, und doch predigt sie einen nicht voll; das klingt dann so: „Aber um unser Taufgedächtnis etwas aufzufrischen, möchte ich mit der falschen Vorstellung aufräumen, als hieße das nichts weiter als „Gott ruft einen Menschen aus dem Leben ab.“ Gott steht am Anfang und am Ende, und selbstverständlich auch dazwischen; Gott, der uns gedacht und erschaffen hat und uns eines Tages im Tod entgegenkommt, Er…“ Um IHN geht es schließlich. Gar nicht so sehr nur um Nina. Wer vor allem ein Buch über Nina Hagen als Künstlerin sucht, wird hier wahrscheinlich nicht alles finden, was er braucht. Und die Frage, ob Nina Hagen nun schon in der DDR Punk gewesen sei oder erst nach der Auswanderung in den Westen oder in ihrer Londoner Zeit auf den bereits fahrenden Zug aufsprang, mögen die entscheiden, die wissen, was überhaupt Punk ist und wann und wo der seine Zeit hatte.
Nina Hagen ging es um ein freies Lebensgefühl und um die ungehinderte Suche nach dem donnernden Leben. Wen interessiert denn das genaue Etikett? Lange und intensive Ausflüge zu Gurus, Yogis und fernöstlichen Priestern bezeichnet sie selbst im Nachhinein als Beschäftigung mit „apokalyptischem Schmelzkäse“. Das mögen ihr viele übel genommen haben. Für sie ist es aber nur eine Folge des Bekenntnisses zu Jesus, sich von anderen Mächten, die es durchaus gibt, zu lösen. Das vorläufige Ende dieser Geschichte der Catharina Hagen markiert ihre Taufe im Jahr 2009 in einer reformierten Kirche in Schüttdorf. Was von außen sehr nüchtern und schmucklos aussieht, empfindet sie als eine befreiende Rückkehr zu ihren eigentlichen Wurzeln. Nach Hause kommen. Man kann nur hoffen, dass sie nicht wiederum zum Vorführdevotee wird, den man wie ein Zirkuspferd nun eben durch die christliche Arena führt ohne Rücksicht auf die verletzliche Seele dieser einmalig faszinierenden Frau. Ihr Taufvers: „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Johannes 7,38)
Abschließend macht sie sich Gedanken über die verschiedenen Konfessionen: „In Wahrheit ist die Spaltung der Christenheit eine einzige Katastrophe. Jemand, der sich taufen lassen will, merkt das besonders.“ Wie wahr. Auf den letzten Seiten spricht sie von einem zurückliegenden Arbeitsmarathon für Jesus. Hoffentlich nicht allzu erschöpfend. Wie geht diese Geschichte weiter? Schräg hoffe ich und schrill und unangepasst und eigenwillig und nicht vorhersagbar und zu Gott hin. Man hätte das Buch auch nennen können: „Nina Hagen. Eine Frau geht Seinen Weg.“
Nina Hagen "Bekenntnisse", 296 Seiten, Pattloch 2010, ISBN: 3629022723
























































































































